Vom Überstimmen zum Miteinander

von | Nov 28, 2019

Jedes System, speziell menschliches Zusammenleben kann nur dann gut funktionieren, wenn es auf einer gesunden Basis aufgebaut ist. Und die gesunde Basis von menschlichem Zusammenleben ist in unseren Augen das Bekenntnis zur Gemeinschaft. Diese gesunde Basis zu sichern und dass sie nicht durch systemische Gesetzmäßigkeiten unterhöhlt wird, ist Ziel des SK-Prinzips.
Ich beschreibe im Folgenden die Grundlagen des Systemischen Konsensierens und warum es in der Familie, privat, im Freundeskreis, in Vereinen, im Geschäftsleben und in der Politik zu mehr Miteinander, wechselseitiger Achtung und produktiverem Energieeinsatz führt.

Warum Widerstand?

Gruppenprobleme nachhaltig lösen

Es ist unmittelbar einzusehen: Eine Gruppe, die ein Problem zur Zufriedenheit aller gelöst hat, hat offensichtlich eine – zumindest aus Gruppensicht – gute Lösung des Problems gefunden. Wenn aber gewichtige Unzufriedenheit in der Gruppe bestehen bleibt, wird die Umsetzung der beschlossenen Lösung Schwierigkeiten bereiten! Es ist klar, die Unzufriedenheit und Ablehnung, die bestehen bleibt, erzeugt Unbehagen.

Mehr noch: Ablehnung, die sich nicht einmal ausdrücken kann, erzeugt verstärktes Unbehagen. Menschen, die ihre Ablehnung nicht ausdrücken können, stehen unter Druck und müssen sich Luft machen. Die Verwirklichung eines Entscheids, der den Widerstand nicht berücksichtigt, gleicht dem Hantieren mit einem unter Druck stehenden Dampfkessel oder dem Ausflug auf einen eruptiven Vulkan..

Dieses Unbehagen, die Ablehnung, die beim Entscheid nicht berücksichtigt wurde, wirkt sich später aus. Im harmlosesten Fall als fehlende Motivation. In schlimmeren Fällen können die Auswirkungen über passive Resistenz zu aktivem Widerstand und schließlich bis zur offenen Sabotage der Entscheidung gehen. Die Verwirklichung des Entscheids benötigt daher zumeist zusätzlichen Kontrollaufwand.

Gruppenprobleme können nur dann nachhaltig gelöst und der zusätzliche Aufwand minimiert werden, wenn schon beim Entscheid auf minimalen Widerstand geachtet wird.

Methoden, die die Unzufriedenheit nicht betrachten, können Probleme nicht lösen. Sie können sie höchstens zudecken.

Die/den Einzelne/n aufwerten

Ein Verfahren, welches den Widerstand minimiert, baut systemisch auf ganz anderen Voraussetzungen auf und erzeugt ganz andere Wirkungen als eines, das die Zustimmung maximiert. Beim Maximum sind nämlich viele Stimmen nötig, so dass eine Einzelstimme nur wenig wiegt. Wenn es stattdessen darum geht, ein Minimum zu erreichen, wiegt jede Einzelstimme viel: der Einzelne beziehungsweise Minderheiten werden aufgewertet und erhalten Gewicht. Wenn man nur durch Mehrheiten wirksam werden kann, muss man sich einordnen: auf die eigene Individualität weitgehend verzichten.

Unter den Bedingungen des SK-Prinzips braucht niemand auf seine Individualität zu verzichten. Der SK-Prozess der Lösungssuche bietet viel Platz, um Wünsche und Anliegen der einzelnen Gruppenmitglieder aufzunehmen. Diese können bei der Vorschlagsentwicklung berücksichtigt werden. Anders als bei der Mehrheitsabstimmung bedarf es keiner Mehrheit mehr, damit eine Alternative angenommen wird. Ein guter Vorschlag kann konsensiert werden, auch wenn er von einem/einer unbekannten Einzelnen kommt.
Diese Chance, die Konsensieren für jedes Gruppenmitglied dadurch eröffnet, kann endlich die derzeit vorhandene lethargische Einstellung: “Da kann man eh nichts machen!” überwinden und ermöglicht aktive Teilnahme am Gruppenleben für alle.

Nachhaltige Entscheidungen

In der Realität sind Ablehnung und Befürwortung einer Entscheidungsalternative stets nebeneinander vorhanden. Wer nur die Befürwortung von Maßnahmen als Entscheidungsgrundlage für deren Durchführung betrachtet und dabei die Ablehnung nicht berücksichtigt, verschließt seine Augen vor einem Teil der Wirklichkeit und riskiert, eine kurzlebige Entscheidung zu treffen. Wer jedoch den Widerstand beachtet, trifft eine nachhaltige Entscheidung: Entscheidungen, die das anstehende Problem nicht befriedigend lösen, erregen Widerstand und werden daher beim Konsensieren nicht angenommen.

Psychosoziale Auswirkungen

Verhaltensumkehr

Wenn das Minimieren des Widerstands das Erfolgskriterium ist, kommt es zu einer systembedingten Verhaltensumkehr. Erfolg hat, wer die Wünsche und Bedürfnisse der anderen achtet und beachtet und in die eigenen Vorschläge zu integrieren versteht. Machtorientierte Mittel führen nicht mehr zum Erfolg. Dadurch kommt es zu einer Verschiebung des Denkrahmens von der machtorientierten Lösungssuche zur Suche nach dem Interessensausgleich.

Gruppenstimmung

Die Verhaltensumkehr erzeugt bei den Gruppenmitgliedern das Gefühl gesehen, verstanden und geachtet zu werden. Die Gruppe wird dadurch zusammengeschweißt. Man fühlt sich einander verbunden. Aussage eines Seminarteilnehmers nach 5 Tagen eines SK-Seminars: “Ich habe eine Sozialphobie. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich in einer Gruppe je so wohl fühlen könnte.”

Kein Tunnelblick

Wer eine Alternative besonders wünscht, für den sind alle anderen nur störend. Es wäre ihm lieber, wenn es sie gar nicht gäbe. Das führt zur Tendenz, sie auszublenden … und zu einem Tunnelblick auf die Welt, der auf die Wunschlösung konzentriert ist.

Wer jedoch seinen Widerstand gegen alle Alternativen differenziert ausdrücken soll, der muss sich mit jeder einzelnen davon intensiv beschäftigen. Er muss das ganze breite Spektrum der angebotenen Alternativen betrachten und erhält dadurch ein umfassendes, ganzheitliches Bild der Situation.

Die/den Einzelne/n achten

Es ist leicht, Menschen zu achten, die die eigene Meinung teilen. Die wirkliche Achtung vor einem Menschen zeigt sich jedoch dann, wenn er die eigene Meinung nicht teilt. Sie zeigt sich im Umgang mit seinem „Nein”.

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Aus dieser Sicht erkennt man das Ausmaß der Missachtung, das in der Mehrheitsabstimmung steckt, wenn man sich deren Ziel vor Augen führt: alle Andersdenkenden zu überstimmen, sich um deren Wünsche und Anliegen nicht kümmern zu müssen, sondern nur die eigenen Interessen durchzusetzen. Die Mehrheitsabstimmung ist ein Verbrechen an der Gemeinsamkeit.
Das “Nein” der Menschen zu achten, ist Sinn des SK-Prinzips. Die Erfahrung zeigt, dass dieses Ziel auch wirklich erreicht wird. Menschen in SK-Gruppen fühlen sich wirklich geachtet und begegnen einander mit Achtung.

Eine Lanze für den Widerstand

Immer wieder wird uns entgegengehalten, dass die Konzentration auf den Widerstand beim SK-Prinzip ein äußerst negatives Element wäre und man doch versuchen sollte, das Positive in der Welt zu sehen und das SK-Prinzip mithilfe von Befürwortung zu formulieren. Für uns ist die Messung des Widerstands jedoch nur Mittel zum Zweck: Er hilft uns dabei, jene Lösung zu finden, die die größte Akzeptanz in einer Gruppe hat.

Vorbilder aus anderen Gebieten

Jeder Techniker weiß: Wer zufriedenstellende Leistung will, muss den Widerstand minimieren.

Leistung = (Spannung)²/Widerstand

In der Medizin wird versucht, Blockaden aufzulösen, flüssigen Verkehr zu ermöglichen, ist Ziel der Verkehrsplaner, Sand aus dem Getriebe fern zu halten, ist Aufgabe der Konstrukteure und die Abläufe in der Verwaltung sollten reibungslos funktionieren.
Ohne Widerstand könnten wir nicht gehen, Autos könnten nicht bremsen, keine Glühbirne hätte je gebrannt und Heizstrahler würden keine Wärme schenken.

Versagen der Pluspunkte

Gegen die Abstimmung mit Pluspunkten sprechen gewichtige Argumente:

Erstens natürlich das Risiko, einen kurzlebigen Entscheid zu treffen.
Zweitens könnte es einer kleinen Gruppe gelingen, indem sie einer von ihr favorisierten Alternative extrem hohe Bewertungen zuteilt, diese Alternative der gesamten Gruppe aufzuzwingen (dies ist als “Problem der kardinalen Nutzwerttheorie” in der Wissenschaft bekannt). Ein unannehmbares Ergebnis.

Beim SK-Prinzip kann eine kleine Gruppe eine bestimmte Alternative verhindern, indem sie ihr extrem hohe Widerstandswerte zuteilt. Dies ist aus Gruppensicht ein durchaus gewünschtes Ergebnis. Man riskiert sonst, dass die Entscheidung, die so extrem abgelehnt wird, auch entsprechend extrem bekämpft wird.

 

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Befürwortung und Ablehnung sind zwei verschiedene Paar Schuhe

Die meisten von uns haben es schon erlebt: man ist gespalten. Es gibt gute Gründe, um sich etwas zu wünschen, und gleichzeitig gute Gründe, um es abzulehnen. Wenn man sich dieser inneren Ambivalenz bewusst wird, erkennt man, dass Befürwortung und Ablehnung unterschiedliche Größen sind. Widerstand ist nicht die Abwesenheit von Befürwortung und Befürwortung nicht die Abwesenheit von Widerstand. Beides besteht unabhängig nebeneinander und muss unabhängig voneinander gemessen werden.

Näherung an den Konsens

Konsens ist die Abwesenheit von Widerstand. Der in unserer Gesellschaft bisher ungenützte Bereich der Näherung an den Konsens ist daher ohne Messung des Widerstands nicht auszuloten.

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Kritik am Mehrheitsprinzip

Erzeugt Konflikt

Wir alle wissen: Beim Mehrheitsprinzip gibt es stets Sieger und Besiegte. Denn das Mehrheitsprinzip kennt nur eine Schwarzweiß-Zeichnung und keine Grautöne. Auch Anhänger sich überschneidender Lösungen müssen sich für EINE DAVON entscheiden.

Beim Mehrheitsprinzip will man sich durchsetzen, d.h. man will überstimmen oder man wird überstimmt. Wenn es um Wichtiges geht, will man nicht überstimmt werden: also streitet man. Das Mehrheitsprinzip erzeugt den Konflikt.

Produziert undemokratische Zufallsergebnisse

Wenn viele Alternativen zur Abstimmung stehen, entscheidet nicht die Mehrheit der Wählenden, sondern die größte Untergruppe. Gibt es z.B. 20 Alternativen, kann die größte Untergruppe aus 7% der Wählerschaft bestehen. Dann müssen 93% das mittragen, was sich 7% wünschen. Es ist sogar möglich, dass diese 93% der Wählerschaft die Alternative total ablehnen. Demokratisch klingt das nicht, oder?

Der Ausweg aus diesem Dilemma der relativen Mehrheit sind Entweder-Oder- oder Ja-Nein-Entscheidungen. In diesen Fällen ist die Fragestellung aber entscheidender als die Meinung der Abstimmenden. Was halten Sie von der Fragestellung: Steuererhöhung oder Pest?

 

Ein Blick in die Politik

“Widerstand, der im System nicht ausgedrückt werden kann, wendet sich gegen das System.”

Kein Boden für Extremismus

Ablehnung muss im System ausdrückbar sein! Gewalttätige Ereignisse wie z. B. um den Neubau des Stuttgarter Bahnhofs hätten vermieden werden können, wenn man den Widerstand schon bei der Beschlussfassung gekannt und berücksichtigt hätte.

 

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Ende des Machtkampfs

Schlagzeile und Foto zeigen: Auch in der Demokratie steht der Machtkampf vor den sachlichen Werten. Und es geht um die persönliche Macht der Handelnden
(Kleine Zeitung, Juni 2010)

Unsere Gesellschaft ist durchsetzt von Machtstrukturen. Daher ist Machtkampf ein bildfüllendes Element in unserem gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Leben. Er dient in erster Linie dem Machtbedürfnis Einzelner oder begrenzter Gruppierungen. Der Schaden, der dadurch verursacht wird, ist im Kriegsfall offensichtlich. In Friedenszeiten ist er kaum sichtbar. Er verschlingt dennoch einen Großteil der gesellschaftlichen Kräfte und behindert produktive Arbeit.

Nun ist klar: Macht lebt von Zustimmung. Deswegen ist die Unterdrückung von Widerstand auch primäres Ziel aller Machthaber.
Macht braucht Zustimmung. Wer keine Zustimmung findet, hat keine Macht in unserer Gesellschaft. Und Zustimmung erzeugt Macht. Wer viele Anhänger hat, kann Einfluss nehmen.

Wenn wir daher ein System wollen, das nicht von ständigem Machtkampf zerrissen ist und in dem der Machtkampf nicht wertvolle Energien frisst und die Abläufe behindert, dann dürfen wir es nicht auf Zustimmung aufbauen.
Denn nicht umsonst fürchtet sich Europa vor Populismus: solange Europas Demokratien auf dem Mehrheitsentscheid aufbauen, ist diese Gefahr nicht gebannt.

Die Lehren aus der Ökologie

In einer begrenzten Welt kann man keinen Prozess isoliert betrachten. Man muss ihn stets auch in seiner Einfügung in die Umwelt berücksichtigen. Bei einem Produktionsprozess muss man stets alle seine Auswirkungen beachten, nicht nur die gewünschten. Sonst riskiert man eine Müll-verseuchte Welt, in der die Lebensqualität zunehmend schwindet.

Einseitig auf Befürwortung ausgerichtete Entscheidungsprozesse, die das „Nebenprodukt Ablehnung“ unbeachtet lassen, sind politische Umweltverschmutzung!

Unsere Konflikt-verseuchte Welt ist das Ergebnis dieser kurzsichtigen Handlungsweise.

Aussagen der Theorie der kollektiven Entscheidungen

Seit den Zeiten der französischen Revolution beschäftigen sich Wissenschaftler mit Gruppenentscheidungsverfahren auf der Basis von Befürwortung.

Jean Charles Chevalier de Borda (1733 – 1799) und Marquis de Condorcet (1743 – 1794) gehören zu ihren ersten Vertretern.

Und seit dieser Zeit werden Verfahren entwickelt, um aus den vorhandenen Präferenzen einer Gruppe einen Entscheid zu ermitteln, der diesen Präferenzen am besten entspricht. Eine ganze Wissenschaft, die “Theorie der kollektiven Entscheidungen”, beschäftigt sich damit. Sie hat eine Anzahl von Kriterien entwickelt, denen ein gutes Gruppenentscheidungsverfahren genügen muss.

Beispiele für diese Kriterien

Anonymitätskriterium: Gruppenpräferenzen hängen nur von der Zusammenfassung der individuellen Präferenzen ab, nicht davon, wer welche Präferenz hat

Unabhängigkeit von Klon-Alternativen: Das Ergebnis des Verfahrens wird nicht verändert, wenn bestehende Alternativen in der Liste mehrmals angeführt werden (ist bei der Mehrheitswahl nicht erfüllt!)

Pareto-Prinzip: Wenn alle Mitglieder eine Alternative gegen

über einer anderen Alternative vorziehen, so muss dies auch für den Gruppenentscheid gelten (ist bei der Mehrheitswahl nicht erfüllt!)

Unabhängigkeit von irrelevanten Alternativen: Die Reihung der besten Alternativen ändert sich nicht, wenn schlechtere Alternativen hinzugefügt werden (ist bei der Mehrheitswahl nicht erfüllt!)

Die Bedeutung dieser Kriterien erkennt man, wenn man sich überlegt, dass George W. Bush im Jahr 2000 amerikanischer Präsident geworden ist, weil die Mehrheitswahl das letzte Kriterium nicht erfüllt. Die Analysten sind sich nämlich weitgehend darüber einig, dass die meisten Stimmen des “irrelevanten” Präsidentschaftskandidaten Ralph Nader bei Al Gore gelandet wären, wenn Ralph Nader nicht kandidiert hätte, da diese beiden Kandidaten politisch wesentlich näher bei einander standen, als Ralph Nader und George Bush. Mit einem Bruchteil von diesen Stimmen hätte Al Gore jedoch die Wahlen gewonnen

Eine der wesentlichsten Erkenntnisse der Sozialwahltheorie ist das sogenannte Arrow’sche Unmöglichkeitstheorem. Es wurde von Kenneth Arrow im Jahre 1951 veröffentlicht und er erhielt im Jahr 1972 dafür den Nobelpreis. Es besagt im Wesentlichen, dass kein Gruppenwahlverfahren existiert, welches sämtliche der wissenschaftlichen Bedingungen erfüllt, ohne in andere, aus demokratischer Sicht nicht akzeptierbare Schwierigkeiten zu führen. Das Theorem wurde dabei mathematisch einwandfrei bewiesen.

Die Voraussetzung bei diesem Beweis war, dass die Gruppenentscheidung aufgrund der Präferenzen der Gruppenmitglieder hinsichtlich der Entscheidungsalternativen erfolge. Beim SK-Prinzip wird jede Alternative durch Widerstand bewertet und man kann zeigen dass das Arrow’sche Unmöglichkeitstheorem für das SK-Prinzip nicht gilt. Entscheidungen nach dem SK-Prinzip erfüllen die genannten Kriterien!

 

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